SM-Titel – Ein Bremser packt aus
Man mag mir vorwerfen, dass ein Anschieber keine weltbewegende Perspektive besitzt, ist sein Blick doch mehrheitlich auf den rüttelnden Boden des Schlittens gerichtet. Ein böser, menschenverachtender Pilotenspruch besagt sogar, dass man aus einem Lenker einen guten Anschieber machen kann, indem man ihm das Hirn entfernt (einen ähnlichen, sinnkonträren Spruch gibt es allerdings auch unter Anschiebern, wenn man Hirn durch Charakter ersetzt...). Gleichwohl wage ich mich unerschrocken an die Aufgabe, unseren sensationellen Schweizermeisterschafts-Erfolg im Zweierbob aus der Sicht des Hintermanns zu schildern.
Den Renntag beginne ich immer mit einer eiskalten Dusche, insbesondere um ihn vor dem geistigen Auge von den anderen Wochentagen abzugrenzen. Irgendwie verhalte ich mich vor dem Wettkampf grundsätzlich wie ein Pavlov’scher Hund, der auf gewisse äussere Reize konditioniert ist, um ihn Rennstimmung zu kommen. Beim Einlaufen höre ich immer die gleiche Musik, mache stets dasselbe Programm, reibe mir um die gleiche Zeit die hautstimulierende Salbe ein. Im Unterschied zu Pavlov fehlt bei mir glücklicherweise meistens der postulierte Speichelflussteil.
Rico und ich versuchen uns jeweils mit lautausgesprochenen, motivierenden Zusprüchen gegenseitig zu versichern, wie gut wir doch sind. Dies mag in dieser nüchternen Schreibweise lächerlich klingen, doch in der Hitze des Gefechts hilft es. Rico geht dann mental nochmals die Bahn durch. Auch das erwirkt in der Aussenbetrachtung einen gewisse clowneske Seltsamkeit, indem seine Arme nur durch Vorstellungskraft des Geistes die Kurven der Bahn abgreifen. Jeder Pilot hat dafür seine eigene Art und muss vom Anschieber nicht verstanden werden. Immerhin erweckt es bei mir den Anschein, dass Rico das theoretische Wissen besitzt, den Schlitten bewusst und willentlich zu lenken (Sorry Rico!).
Kurz vor dem Rennen versetze ich mich in eine Form berserkischer Wut, in der ich voll fokussiert und laut brüllend zum Bob schreite. Als mich meine Eltern zum ersten Mal in diesem Zustand sahen, erschraken sie zu Tode und versuchten vor den anderen Zuschauern beschämt ihre genetische Verwandtschaft zu mir zu verbergen.
Endlich starten wir ins Rennen und bereits während des Schiebens merke ich, dass es ein guter Start wird. Ich spüre wie sich meine Schritte verlängern und wie sich alles leicht und wie von selbst anfühlt. Nach dem Einsteigen gehe ich sofort in Position und konzentriere mich auf die Fahrt von Rico. Keine Bande, kein Schieben, gute Höhe im Horse-Shoe, dies muss für die Führung reichen. Banges Warten während wir den Auslauf hochjagen und grosse Erleichterung als wir die „1“ aufleuchten sehen. Gespannt verfolgen wir die Fahrten von Beat Hefti und Gregor Baumann, die im Vorfeld die meistgenannten Favoriten waren. Beat geht dank grossem Startvorsprung mit acht Hunderstel in Führung, Gregor reiht sich hinter uns ein.
Zwischen den Läufen versuche ich aus unserer guten Zwichenplatzierung Freude und Enegie für den zweiten Durchgang zu schöpfen. Dabei helfen auch unsere zahlreich angereisten Fans, die sich vor unseren Starts jeweils lautstark bemerken machen. Vage nehme ich noch wahr, dass die vor uns gestarteten Gregor Baumann und Jürg Egger in Führung gegangen sind. Die Kuhglockenklänge und lautes Rufen unserer Teamkollegen hinter uns bringen mich in optimale Rennstimmung und ich weiss eigentlich jetzt schon, dass beim Start nichts mehr schief gehen kann. Und so ist es auch. Fast atemlos verfolge ich im Hinterboot des Schlittens die lange erste Gerade, die über Alles oder Nichts entscheiden kann. Geistig feure ich Rico während der ganzen Fahrt an und er scheint es zu hören, denn er zieht wohl seinen besten Lauf der Woche ein („er zücht en Fade abe“, wie man so schön sagt). Der lange Auslauf will nicht enden, bis mir endlich sehen, dass wir die Spitze übernommen haben und somit den zweiten Platz auf sicher haben. Wir freuen uns wie verrückt und fallen uns mehrmals in die Arme! Überglücklich hole ich die Kufenschoner, denn ich wagte nicht mal im Traum daran zu denken, dass wir Beat schlagen könnten. Plötzlich durchsetzt eine Raunen die Zuschauergruppe hinter uns. Jetzt beginne ich trotzdem auf die Uhr zu schauen. Der Vorsprung von Beat schmilzt und schmilzt. Und tatsächlich fällt er noch hinter uns zurück. Unglaublich! Rico und ich schauen uns ungläubig an. Es braucht einen Moment bis wir realiseren, was wir da geschafft haben. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt und soll aus suchtpräventiven Gründen nicht bis ins Detail erzählt werden...
Ich möchte Rico und dem ganzen Team nochmals für die geniale erste Saisonhälfte danken. Hat grossen Spass gemacht mit euch! Hoffentlich sieht man sich wieder Ende Februar in Königssee an der WM!
In diesem Sinne:
Herzlichst
Alex Baumann